- Einführung zur Diskussion beim
Jour fixe des Insider-Komitees am 03.03.2004 -
Als
operativer Mitarbeiter im Abwehrbereich des MfS hatte ich in einem konkret
definierten Verantwortungs- und Aufgabenbereich feindliche Tätigkeit gegen die
Staatsordnung der DDR aufzuspüren, aufzudecken und zu unterbinden, möglichst zu
verhindern.
Zu
den dafür vorgegebenen Leitbildern gehörten Feindbilder – sie waren zu ergänzen
und zu präzisieren, indem Wissen über
feindliche Angriffe aktualisiert und akkumuliert wurde.
Die
Aufgabenstellung bestimmte den Blick auf die Problematik. Aus dieser Sicht wird
hier das Thema behandelt, soweit es um Feindbilder geht, wie sie bis 1989
wirkten.
Eine
Anmerkung sei noch vorangestellt: Der Begriff „Feindbild“ spielte im operativen
Sprachgebrauch des MfS nur eine geringe Rolle. Aber inhaltlich ging es um
Feindbilder, wenn wir von „Angriffsrichtungen, Mitteln, Methoden und Kräften des
Gegners“ sprachen und bei der
Ausrichtung der Abwehrarbeit davon mit geleitet wurden.
Unumgänglich
erscheint mir, zunächst Allgemeines zu Feindbildern zu sagen – allgemein im
Sinne gemeinsamer Charakteristika einer in vielfältigsten Formen auftretenden
Erscheinung.
Dies
sei thesenhaft versucht.
1.
Feindbilder
gibt es wohl, seit Menschen und Menschengruppen*) - gleich wie organisiert - in
Interessenkonflikten leben.
Seit
Jahrtausenden werden an andere Gottheiten Glaubende als „Ungläubige“,
schließlich als „Feinde Gottes“ und somit Feinde der „Rechtgläubigen“
hingestellt und verfolgt.
Während
des Zweiten Weltkrieges galt in fast ganz Europa jemand als Feind, wenn er
Deutscher war. Auch als antifaschistischer Emigrant fand er sich ganz schnell
interniert. Viel schlimmer erging es denen, die hierzulande von den
Herrschenden zu „Volksfeinden“ erklärt wurden.
Also:
Feindbilder sind nicht Erfindung und nicht exklusives Instrument des MfS oder
der SED, auch nicht der Geheimdienste. Sie sind auch keine Erscheinung nur der
neueren Geschichte.
2.
Bei
der Entstehung von Feindbildern spielt offenbar zunächst Spontaneität eine
Rolle, aus dem Erleben von Ängsten, von Konkurrenz, von Bedrohung.
Sie
widerspiegeln wahrgenommene Realität – mehr oder weniger treffend oder
entstellt.
In
die Wahrnehmungsprozesse und in deren gedankliche Verarbeitung mischen sich
verschiedene und oft widersprechende Gefühle, z.B. von Angst oder Sicherheit,
Zu- oder Abneigung.
In die Ausformung und Verbreitung von Feindbildern greifen interessierte Profis ein - Häuptlinge, Medizinmänner, Geistliche; später Politiker, Ideologen, Journalisten, auch Geheimdienstler.
Diese Eingriffe ergeben sich aus der Erkenntnis, dass Feindbilder Zwecken dienstbar gemacht werden können – also wird versucht, sie zweckdienlich auszugestalten.
(
Christa Wolf hat dies in einem Interview kürzlich sehr plastisch ausgedrückt:
„Ronald Reagans Erklärungen vom „Reich des Bösen“ waren auch eine Antwort auf
die Konvergenztheorien der siebziger Jahre, eine Reaktion auf Jahre der
friedlichen Koexistenz, auf die Gefahr, dringend benötigte Feindbilder zu
verlieren.“ Berliner Zeitung, 10./11.Jan.2004 )
_______
*)
Den Begriff der Gruppe benutze ich hier in dem umfassenden Sinne der
Organisationsformen von
Menschen – was den relativ spontan
gebildeten Haufen ebenso einschließt wie z.B. ein Staatsvolk
-
2 -
3.
Welche
Zwecke sind das ?
Feindbilder
können Menschen veranlassen, sich als Interessengemeinschaft zu empfinden, die
sich gegen bestimmte ( innere oder äußere ) Kräfte durchsetzen oder schützen
muß. Und indem sie diesen Menschen Kenntnisse vermitteln über Bedrohung, tragen
sie nicht nur zum Zusammenhalt einer Gruppe bei, sondern zur Bündelung und Ausrichtung ihrer Kräfte
zur Abwehr - oder auch zum „präventiven Erstschlag“.
4.
Feindbilder
können von sehr unterschiedlichem Realitätsgehalt sein. Sie können reale
Bedrohungen widerspiegeln, aber auch eingebildete - also auf Irrtümern beruhen.
Beispiel: In Phasen des Kalten Krieges handelten Führungskräfte beider Seiten
in der bipolaren Welt offenbar in Angst vor einem militärischen Angriff der
Gegenseite. Oder sie spiegeln Bedrohungen vor als gezielt verbreitete Lügen (
siehe „Zwecke“ ).
Dabei
dürften die Pole „in Gänze zutreffend“ und „völlig falsch“ Ausnahmen sein –
meist mischen sich wohl Richtiges und Falsches.
5.
Im
Zuge der Entwicklung von Herrschaftstechniken sind die Methoden vervollkommnet
worden, Feindbilder planmäßig zu
erzeugen und zu verbreiten.
Die
heutigen Massenmedien ermöglichen wie nie, dass die Herrschenden diejenigen
Meinungen ( incl. Feindbilder ) zu den herrschenden Bildern machen können, die
sie für ihren Interessen dienlich halten.
Als
Problem zeigt sich, dass nicht selten die gezielt Lügenden mit der Zeit ihren
Lügen selbst erliegen.
Aber
zweckdienlich bleiben Feindbilder natürlich nur, wenn zumindest in den
Entscheidungszentralen zutreffende Wahrnehmung der Realitäten herrscht.
Für
die Massenwirksamkeit der Bilder ist dagegen überhaupt nicht nötig, dass es für
sie eine reale Entsprechung gibt - da kann sogar ein Phantombild zeitweise
wirkungsvoll sein.
6.
Feindbilder
können über längere Zeit relativ stabil bleiben, aber im Grunde sind sie
wandelbar.
Oft
tragen sie realen Entwicklungen nicht mehr Rechnung, wenn aus Freunden oder Neutralen
Feinde wurden ( oder umgekehrtes geschieht ).
Auch
ändern sich Interessenlagen oder Taktiken der Einflußreichen.
Umbrüche
haben zur Folge, dass - wer eben noch Auftraggeber oder Ausführer von
Feindbildmalerei war - sich unversehens selbst zum Feind gestempelt finden
kann.
Wird
Änderung der Bilder erforderlich, zeigt sich als zusätzliche Schwierigkeit,
dass sie zur Beharrung und zur Nachwirkung tendieren. Unsere Psyche wehrt sich
meist gegen Input, der ins Weltbild nicht passt, das wir uns mühsam gezimmert
haben.
Das
Leben zeigt, dass trotzdem Meinungsbildner mit Problemen solcher Veränderungen
ganz gut fertig werden und große Teile des Publikums ihnen bei den diversen
Schwenks willig zu folgen scheinen.
7.
Benutzbar
und mißbrauchbar sind Feindbilder nicht zuletzt, weil ihnen suggestive Kraft
innewohnt.
Indem
sie nicht nur den Verstand ansprechen, sondern in sie auch Gefühle eingehen,
Hoffnungen, Ängste...., können mit ihnen Menschenmassen zu Abwehr und Angriff
mobilisiert werden bis zur Hysterie.
Darin
liegt eine der Gefahren der Nutzung von Feindbildern: die Kontrolle über
Gebrauch und Wirkungen kann entgleiten, oder - schlimmer - mit ihnen können Exzesse provoziert werden.
-
3 -
8.
Ein Kreuz für Feindbild-Zeichner und -Vermittler ist und bleibt die Frage, als wie groß die Bedrohung durch Feinde darzustellen ist.
Die
Feinde als „dumm und schwach“ hinzustellen, kann kaum mobilisierend wirken,
sogar eher einschläfernd.
„Stark
und klug“ ist ja Selbstbild ( im Regelfall ) - das kann a priori für Feinde
nicht zutreffen. Überdies könnte es die Besiegbarkeit der Feinde in Frage
stellen, sogar lähmend wirken.
Es muß also letztlich immer hinauslaufen auf „gefährlich, aber besiegbar“.
Axiom
scheint zu sein, dass die eigene Partei ( im weiteren Sinne ) sich nicht nur im
Recht befindet, sondern auch edel, hilfreich und gut ist, während die Feinde
nicht nur im Unrecht sind, sondern auch böse und hinterhältig.
Feindbild-Propaganda
läuft letztlich auf solche Muster hinaus, jeweils modifiziert durch
Verschärfung oder Entspannung in den Konflikten und andere zeitweise
einwirkende Faktoren, auch durch die Individualität der Akteure.
Zum Abschluß dieses Teils scheint mir der Hinweis notwendig, nicht zu vergessen - auch wenn Feindbilder das Thema sind - dass sie nur einen Teil des Weltbildes ausmachen. Sie koexistieren mit dem Selbstbild und anderen Bildern, z.B. von Verbündeten, und die Bilder beeinflussen sich.
Feindbilder gehören zu den Teilen des Gesamtbildes, die handlungsleitend und aktivierend auf Menschen und Zusammenschlüsse von Menschen wirken.
Solche
aktivierende Wirkung hatte das spezifische „tschekistische“ Feindbild auch für
die Arbeit des MfS.
- 4 -
II.
Wenn
es im Folgenden um das Feindbild geht, das die Abwehrarbeit des MfS leitete,
dann
sollte
gegenwärtig sein, dass es sich um einen besonderen Fall handelt, für den die
allgemeinen
Aussagen
über Feindbilder gelten.
Mitzudenken
ist auch, dass in dem eingebürgerten Begriff Feindbild tatsächlich Feindbilder
- in Mehrzahl - stecken, entspr. der Vielgestaltigkeit der Wirklichkeit und
ihrer Entwicklung in der Zeit.
Drittens
ist nicht zu vergessen, dass bei allen Gemeinsamkeiten einer Spezies, wie
„Mitarbeiter des MfS“, die Feindbilder in den Köpfen von Individuen existieren.
Es wäre ein Wunder, wenn sie in allen diesen Köpfen identisch gewesen wären.
Modifizierungen von Subjekt zu Subjekt sind natürlich.
Nicht
zu übersehen ist, dass die Arbeit nicht allein von Feindbildern geprägt wurde,
sondern von vielem mehr: von Weltanschauung und politischen Auffassungen (
wovon sie ein Teil sind ) sowie von Parteinahme, von Gesetzen u.a. Rechtsnormen
des Staates bis zu den Befehlen und Dienstan-weisungen des MfS, konkreten
Arbeitsanweisungen, und natürlich auch vom Selbstbild, das wir hatten von uns
als Gemeinschaft und auch jeder von sich persönlich.
Das
„offizielle“ Feindbild des MfS tritt uns als Definition im
„Politisch-operativen Wörterbuch des MfS“
– gewesene GVS – entgegen:
„Feindbild,
tschekistisches:
Gesamtbild
von Kenntnissen und Vorstellungen über das Wesen und die Gesetzmäßigkeiten des
Imperialismus, seine subversiven Pläne und Zielstellungen gegen den
Sozialismus, über die Erscheinungsformen der subversiven Tätigkeit und deren
Angriffsrichtungen, die feindlichen Zentren, Organisationen und Kräfte, die
Abwehrmaßnahmen des Feindes, die Mittel und Methoden des feindlichen Vorgehens
sowie die darauf beruhenden Wertungen, Gefühle und Überzeugungen im Kampf gegen
den Feind.
Das
tschekistische Feindbild....wird spezifisch geprägt durch die im konspirativen
Kampf gegen den subversiven Feind gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse.
....
Vereinseitigungen, Verabsolutierungen, Abschwächungen oder Verzerrungen des
Feindbildes können in der politisch-operativen Arbeit zu Fehlentscheidungen und
falschem Reagieren führen und dürfen nicht zugelassen werden.“
Wenn
Erich Mielke den Begriff des Feindbildes gebrauchte, dann hieß es entweder:
„Wir haben ein klares Feindbild !“ oder
„Wir brauchen ein klares Feindbild !“
In
Rückschau über 40 Jahre MfS bedenkend, gegen wen alles das MfS vorgegangen
ist, z.B. imperialistische Geheimdienste und
Verbrecherbanden; Wissenschaftler, die als Marxisten forschten und lehrten;
Bürger, die Kritik an Umweltsituation und -politik der DDR übten oder die Ausreise
aus der DDR begehrten, scheint mir, daß „haben“
es wohl weniger traf als „brauchen“.
Wir
haben uns nicht positiv unterschieden - konnten das wohl auch nicht - von der
politischen Vorgabe eines Feindbildes, in dem über die Jahrzehnte u.a. Josif Broz
Tito, Paul Merker und Max Fechner, die „Solidarnocz“ und Michail Gorbatschow
Plätze hatten.
Im
Folgenden möchte ich über Feindbilder, die unsere Arbeit mit prägten, nicht in
theoretischer Erörterung, sondern aus eigenem Erleben und Erinnern sprechen.
Als
ich1956 in das MfS eintrat, hatte ich natürlich kein „tschekistisches
Feindbild“. Aber ein politisches Feindbild war schon da ( und mit Grundlage für
den Schritt ins MfS ). In ihm erschien der Imperialismus, bes. die USA und die
BRD, als Hauptfeind. Warum ? Weil ich ihre Politik als den Frieden und den
sozialistischen Aufbau bedrohend und - deutsche Spezifik - als gegen die
Wiedervereinigung Deutschlands gerichtet wahrgenommen habe. Und es agierten in
diesem Bild - als
______
1)
MfS – GVS JHS 001 – 400/81
-
5 -
Feinde
im Innern des Landes - Faschisten, die sich nicht nach dem Westen abgesetzt
hatten, sondern hier als harmlose Mitbürger getarnt Morde und Brandstiftungen begingen, Sabotage
und Spionage betrieben, gegen die Ordnung und den Weg der DDR hetzten.
Das
waren schon Elemente - erzeugt durch Schule, Zeitungen und Rundfunk,
FDJ-Studienjahr, Gespräche in der Familie... - die in ein MfS-spezifisches
Feindbild integriert werden konnten.
In
zwei Jahren Offiziersschule wurde auch das damals für das MfS geltende
Feindbild vermittelt. Wichtigster Teil waren die konkreten Kenntnisse über
Organisatoren und Ausführer von Verbrechen gegen die DDR, deren Vorgehensweisen
und Erscheinungsformen ihres Wirkens. „Feindbild“ hat mit Wissen über den Feind
zu tun. Wir hatten lange Lektionen und Seminare über die wichtigsten westlichen
Geheimdienste und Agentenzentralen, angefangen von Entstehung und Geschichte
über Strukturen, Aufgaben und Ziele, bevorzugte Arbeitsweisen usf.
Um
ein Beispiel zu nennen: Es wurde die Erfahrung vermittelt, dass speziell
deutsche Geheimdienste traditionell gern verwandtschaftliche Beziehungen nutzen, wenn es um Anwerbung oder andere
Nutzung
von Menschen geht. Das hat sich auch in der Folge viele Male bestätigt. Im heute verbreiteten
Bild über das angebliche MfS-Feindbild hört sich das an, als habe das MfS jeden
aus dem Westen einreisenden Onkel als Feind betrachtet. Tatsächlich veranlasste
das Wissen um ein bevorzugtes Vorgehen eines Gegners, mit im Blick zu haben, dass
im gerade zu prüfenden Falle eine solcher modus operandi nicht auszuschließen
war, nicht weniger und nicht mehr. Der Feind war der BND, nicht die
Verwandtschaft. Aber der Verwandte, der unter der Flagge des Privatbesuchs
herkam, um hier das Geschäft des BND zu besorgen, der hatte sich damit den
Feinden zugesellt.
(
Anmerkung: Während meiner erwähnten Ausbildung trat das
Strafrechts-Ergänzungsgesetz der DDR von 1957 in Kraft, mit präzise gefassten
Straftatbeständen, welche Handlungen als
„Verbrechen gegen die DDR“ zu verfolgen waren. Damit konkretisierten
sich auch Feindbilder: wessen Handeln solchen Straftatbestand erfüllte, der
stand im feindlichen Lager und war so zu behandeln. )
In
den Jahrzehnten der Abwehrarbeit, in denen ich mitverantwortlich war für die
Sicherung von Einrichtungen der wissenschaftlichen Forschung und ihrer
staatlichen Leitung, hatten wir vorrangig zu tun mit den Geheimdiensten der USA
und der BRD und ihrer Spionage sowie ihrer Beteiligung an anderen subversiven
Aktivitäten, wie der Abwerbung von Wissenschaftlern und gezielten Störungen der
wissenschaftlich-technischen Entwicklung der DDR sowie der Zusammenarbeit in
diesem Bereich im RGW.
Unser
Bild von den westlichen Geheimdiensten wurde wesentlich aus zwei Quellen
gespeist: durch gefaßte Spione und später zunehmend durch inoffizielle
Mitarbeiter ( IM ), die für uns mit einem gegnerischen Dienst scheinbar
zusammenarbeiteten.
Kenntnisse
über diese Dienste und deren jeweils aktuelle Arbeitsweise waren wesentlich für
den Schutz von Staatsgeheimnissen, für die erfolgreiche Suche nach Lecks im
Geheimnisschutz einschließlich der Enttarnung westlicher Agenten. Durch
Letztere wurde wieder das Bild präzisiert, wer wie über welche Bereiche und
Vorgänge in der DDR Informationen zu erlangen suchte oder - für uns besonders
interessant - wer bereits Informationen besaß, die öffentlich nicht zugänglich
waren.
Hier
sei ein Fall geschildert, von dem ich denke, dass er Exemplarisches zum Thema
verdeutlicht.
Im
September 1961 verhafteten wir einen
BND-Spion aus einem Institut der Akademie der Wissenschaften in
Berlin-Adlershof. ( Er war nicht der erste und nicht der letzte aus diesem
Zentrum der Forschung. ) In Verstecken in seiner Wohnung fanden sich Vorgaben
und Anleitungen für die Übermittlung von militärischen Informationen und
Verschlüsselungstabellen für den Funkkverkehr. Dazu sagte der Mann aus, dass er
neben der Berichterstattung über Vorgänge und Kollegen im Institut eingesetzt
war, in seiner Freizeit Kasernen und Truppenbewegungen zu beobachten. Da kein
Militär-
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6 -
fachmann,
halfen ihm sog. Erkennungstafeln, Typen
von Panzern, Geschützen und Transportfahrzeugen zu erkennen. Angekündigt hatte
ihm der BND, in nächster Zeit ein Funkgerät zu übergeben, damit er im Falle
militärischer Auseinandersetzungen seine Beobachtungen weiter übermitteln
könnte.
[
Für Zweifler: ich kann mit konkreten Daten dienen, mit denen – wenn die
Birthler-Behörde dazu willig ist – binnen Minuten die Akten zu der Sache zu
finden sind. ]
Für
mich wie für alle damit Befassten war das ein selbst erlebter Beweis, dass der
Westen die Aggression gegen uns vorbereitet. Daß dort tatsächlich Angst vor
einem Überfall unsererseits herrschen könnte, kam uns gar nicht in den Sinn -
wir wussten ja, dass das nicht geschehen würde. So hat die gegenständliche
Anschauung der Feindarbeit auch das übergreifende polititische Feindbild befestigt. Und das hat unsere Motivation für
die Abwehrarbeit gestärkt.
Was
hier zu den imperialistischen Geheimdiensten gesagt ist, trifft im Kern für
ganze Zeit bis 1989 zu. Sie blieben Hauptfeinde für die Abwehr des MfS, auch
wenn ihre Bekämpfung zeitweise unzureichend erfolgte, weil viel zu viel Kräfte
anderweitig verschlissen wurden.
Mit
den Geheimdiensten hatten im System der Subversion gegen die DDR
Agentenzentralen wie die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU) und der
„Untersuchungsausschuß freiheitlicher Juristen“ (UfJ) ihren Platz. Sie waren
verlängerte Arme der Geheimdienste und gern für die Ausführung besonders
schmutziger Operationen benutzt, so dass die Inspiratoren ggf. sagen konnten:
„Wir waren das nicht.“ Übrigens war das Fernsehen der BRD so freundlich, vor
einigen Jahren Agenten der KgU Gelegenheit zum schamlosen Renommieren mit von
ihnen begangenen Verbrechen in der DDR zu geben, wobei diese sich beklagten,
ihren Anteil an der Niederringung der DDR nicht hinreichend gewürdigt zu sehen.
Es ist nicht anders als mit selektiver Wahrnehmung der Wirklichkeit zu
erklären, daß unter Linken immer noch ein Bild des Ex-KgU-Chefs Hildebrandt
Akzeptanz findet, in dem dieser als Menschen- und Bürgerrechtler erscheint.
Im
Wissenschaftsbereich hatten wir ständig neben der Spionage – z.T. mit dieser
verflochten – mit der Abwerbung und Ausschleusung von Spezialisten aus der DDR
zu tun. ( In anderen Bereichen gab es z.T. andere Schwerpunkte, z.B in der
Landwirtschaft zeitweise gehäuft Diversion in Form von Brandstiftungen und
Viehvergiftungen. ) Für die Abwerbung gab es allerdings nie staatliche
Zentralen wie für die Spionage. Aber es gab Fälle, in denen
Geheimdienst-Gliederungen eingesetzt wurden, um an Spitzenwissenschaftler
Angebote heranzutragen, die DDR zu verlassen, um in einem westlichen Land „für
die Regierung“ zu arbeiten. Auch hier könnte die Birthler-Behörde zur
Geschichtsaufarbeitung beitragen, indem sie MfS-Akten herausgibt, in denen
die Offenlegung solcher Geschehnisse durch die Betroffenen gegenüber dem MfS
dokumentiert ist.
Uns
Menschen wegzuholen, am liebsten Ärzte, Naturwissenschaftler und andere
Fachleute, erforderte ab 1961 neue Akteure: Schleuserorganisationen. Die Köpfe
waren z.T. DDR-Hasser, z.T. Kriminelle mit Gespür für den Markt. Die Preise
pendelten sich zwischen 20 und 40 TDM für eine Schleusung ein. Wenn dazu echte
falsche Pässe benötigt wurden, halfen staatliche Stellen der BRD häufig und
gern. Heute wird das Bild von den „Fluchthelfern“ gepflegt. Wir haben erlebt,
wie gezielt DDR-Wissenschaftlern Positionen im Westen und die Organisation der
Ausschleusung angeboten wurden.
Hier
ist ein Fall erwähnenswert, der vor zwei Jahren zur Aburteilung eines
Abteilungsleiters aus der Hauptabteilung XVIII des MfS - Sicherung der
Volkswirtschaft - wegen „Verschleppung“
führte. Er hatte Maßnahmepläne bestätigt, um die Ausschleusung eines
Geheimnisträgers aus einem Industrieministerium der DDR zu verhindern. Als der Observierte
beim Versuch der Ausschleusung aus dem Kofferraum eines PKW geholt wurde, wurde
der Fahrer, der ihn beim Transit durch die DDR vereinbarungsgemäß aufgenommen hatte,
natürlich mit verhaftet. Das Landgericht Berlin befand, dass damit ein Bürger
der BRD rechtswidrig an der Rückkehr in die BRD gehindert wurde, um ihn aus
politischen Gründen zu verfolgen. ( § 234a StGB ). Auch ein hervorragendes
Plädoyer des Rechtsanwalts, in dem tatsächlich und rechtlich unanfechtbar
Beweis geführt wurde, daß das
-
7 -
zwischenstaatliche
Transitabkommen DDR-BRD das Recht der DDR festschrieb, dem Mißbrauch der
Transitwege durch ihr Territorium zu begegnen, weshalb dem Gericht vorgelegte
regierungsamtliche Verlautbarungen der BRD vor solchem Mißbrauch warnten,
konnten den Verfolgungswillen des BRD-Gerichts nicht zügeln.
So
viel zu Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeitssinn.
Im
Verlaufe der sechziger Jahre tauchten im Feindbild auf unserer Abwehrlinie
modifizierte Erscheinungsformen wirtschaftlicher Störtätigkeit auf, die
zusammengingen mit dem, was wir Kontaktpolitik und Kontakttätigkeit sowie
Schaffung personeller Stützpunkte nannten.
Im
Zuge sich ausweitender Handelsbeziehungen, wirtschaftlicher Kooperation und
Wissenschaftsbeziehungen wurden DDR-Leute mit Einblick und Einfluß hofiert,
nach und nach korrumpiert, bei sich abzeichnender Anfälligkeit direkt
bestochen, um den BRD-Partnern Vorteile zu verschaffen, ggf. auch dann, wenn
offensichtlich wirtschaftliche Nachteile für die DDR Folge waren.
Rechtlich
unterfiel das Tatbeständen der allgemeinen Kriminalität, nicht der
Staatsverbrechen, aber in den Zielen und Auswirkungen war es für die DDR nicht
weniger schwerwiegend als Diversion und Sabotage. Bei äußerlicher Offenheit des
Bestehens der Verbindungen wurde ab erzielter Einigkeit, dass Gesetzesbruch
eingeschlossen ist, auch mit konspirativen Mitteln und Methoden gearbeitet.
Charakteristisch
war die Komplexität dieser Art von Schädigung der DDR-Wirtschaft: es ging nicht
um einzelne Straftaten, sondern eine Verflechtung von Spionage,
Vertrauensmißbrauch, aktiver und passiver Bestechung, Abwerbung, Sabotage. (
Exemplarisch dafür, was 1967 in einem Prozeß vor dem Obersten Gericht der DDR
gegen vormalige Geschäftspartner von DDR-Unternehmen, die BRD-Bürger
Hüttenrauch und Latinsky öffentlich wurde.)
Als
Hintergrund gingen Profit- und Konkurrenzinteressen von Konzernen u.a.
Unternehmen Hand in Hand mit dem Ziel, der DDR-Wirtschaft zu schaden. Es wurde
bewiesen, dass z.B. Spezialisten häufig gar nicht abgeworben wurden, weil man
sie im Westen gebraucht hätte, sondern ausschließlich, damit sie der DDR
fehlten.
Wichtig
für das Feindbild der Abwehr zur Sicherung der DDR-Wirtschaft war die schwer
erarbeitete Erkenntnis, dass die hier skizzierte Störtätigkeit keiner zentralen
Planung und Organisation unterlag, sondern aus einem Geflecht von Aktivitäten
bestand, dass sich aus der Verbindung jeweiliger Eigen-interessen der Akteure
mit einem antikommunistischen Grundkonsens ergab.
Im
Wissenschaftsbereich spielte in den sechzigern bis Anfang der siebziger Jahre
noch eine spezielle Rolle, dass quasi als Kehrseite der Nutzung von Kontakten
u. Kooperation für die Schädigung der DDR gleichzeitig von BRD-Seite erhebliche
Anstrengungen erfolgten, die DDR vom internationalen Wissenschaftsbetrieb
fernzuhalten. Das hatte eindeutig politische Gründe: eine selbstständige Stellung der DDR neben
der BRD als gleichberechtigter Partner internationaler wissenschaftlicher
Kooperation sollte verhindert werden.
Als
Vorstufen ihrer staatlichen Anerkennung hatte die DDR Interesse, in
internationalen Organisationen neben der BRD selbstständig Mitglied zu werden.
Westdeutsche wissenschaftliche Gesellschaften auf nahezu allen Fachgebieten
hintertrieben das mit allen Mitteln, wobei viele der Akteure unter
BRD-Wissenschaftlern nicht der DDR schaden wollten, sondern von Sorge um die
„Einheit der deutschen Wissenschaft“ bewegt wurden. Aber auch sie wurden als
gegen Interessen der DDR wirksame Kräfte in unser Feindbild integriert.
Zunehmend
Platz im Feindbild des MfS gewannen während sechziger Jahre Zentren, Akteure
und Erscheinungsformen der „ideologischen Diversion“.
In
Reden Erich Mielkes habe ich diesen Begriff erstmals 1958 gefunden. (
Allerdings klafft im Quellenmaterial eine Lücke von 1953 bis 1958. )
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8 -
Unser
Bild von „PID“, ihren Absichten und Vorgehensweisen wurde wesentlich geprägt
durch eine Publikation in der BRD-Zeitschrift „Außenpolitik“ von November 1962,
Autor Dr.von Schack. Sein Aufsatz „Der geistige Kampf in der Koexistenz“
gipfelt in folgender Passage:
„....sind
auf der Gegenseite im unerbittlichen geistigen Wettbewerb der Koexistenz
Revolutionslagen zu schaffen und zu “verschärfen“. Unser Gedankengut ist in das
öffentliche Leben der kommunistischen Staaten mit allen Mitteln der modernen
Propaganda auf psychologisch geschickte Weise einzuschleusen. Unter Ausnutzung
nationaler Verschiedenheiten, religiöser Überlieferungen, auch menschlicher
Schwächen wie der Neugier, der weiblichen Eitelkeit, der Sehnsucht nach
Vergnügen ist die Indifferenz zu den Zielen der kommunistischen Staatsführung
zu fördern. Wirtschaftliche, moralische und andere Mißstände, die für die
kommunistische Staatsführung typisch sind, sind schonungslos aufzuzeigen mit
dem Ziel, die Bevölkerung bis zum passiven Widerstand ( „Arbeite langsam!“) und
zur Sabotage zu bringen. Geht dann der kommunistische Staat gegen einzelne
Abtrünnige vor, so sind seine Maßnahmen, die als ungerecht erscheinen, möglichst
allgemein bekannt zu machen, damit Mitleid und neue Abneigung gegen das
kommunistische System erweckt werden. Zu den geistig Schaffenden eines
kommunistischen Staates ist auf Kongressen, auf Reisen usw. Verbindung
aufzunehmen. Diskussionen sind nicht zu scheuen. Der Postverkehr und der
kulturelle Austausch sind zu fördern, da der Westen hoffen kann, daß besonders
die Jugend in vielen kommunistischen Staaten durch das bloße Kennenlernen ihrer
Umwelt und durch die Möglichkeit kritischen Vergleichs den Idealen ihrer
Staatsführung entfremdet wird, die in der Abschließung am besten existieren.
Die Menschen in den kommunistischen Staaten werden auf diese Weise zu bewußten
oder unbewußten Trägern westlicher Ideen, es wird das Gefühl allgemeinen
Unbehagens geschaffen, das Voraussetzung ist für die – sich ohne
Gewaltanwendung abwickelnde – innere Veränderung und Umwälzung in diesen
Staatswesen. Durch pausenlose, den Gegner ermüdende Arbeit, sind diese
natürlichen Entwicklungen zu beschleunigen.“
Bis
zum Ende des MfS ist auf diesen Text unzählige Male Bezug genommen worden. Die
Offenheit, mit der Zersetzung als Vorbereitung von Konterrevolution hier
propagiert ist, machte ihn einzigartig geeignet.
Im
folgenden wurde alles, was die Realisierung dieses Konzepts fördern könnte, der
Subversion zugeordnet, zumindest als potentiell zuzuordnen eingestuft.
Von
„dem Feind dienlich“ bis „feindlich“ erwies sich der Weg als nicht weit.
Gepflastert war er mit Begriffskonstruktionen wie „feindlich-negativ“, die
qualitative Unterschiede verschmierten.
Das
Feindbild auszuweiten und an den Rändern quasi ausfransen zu lassen, wurde
durch mehrere Faktoren befördert.
Der
eine lag in der Anmaßung, die SED-eigene Art, den Marxismus-Leninismus zu
interpretieren und in ein Gesellschaftskonzept umzusetzen, sei der
Marxismus-Leninismus und der Sozialismus – allein und ausschließlich. Andere
Auffassungen als die jeweils parteioffiziellen wurden abgestempelt als
„unmarxistisch“, „revisionistisch“, „opportunistisch“, „sektiererisch“...... –
jedenfalls falsch und schädlich und in der Klassenauseinandersetzung zumindest
objektiv dem Gegner nützlich. Unter „PID“ subsummiert wurden sie eine Sache des
Staatssschutzes statt der wissenschaftlichen oder politischen Debatte. Wer
etwas an der DDR ändern wollte, der wollte den Sozialismus beseitigen, war die
in dieser Logik liegende Doktrin.
Damit
verbunden war, dass es keinen offenen gesellschaftswissenschaftlichen und
politischen Dialog in der Gesellschaft gab.
Andere
als die parteioffiziellen Einschätzungen und Vorstellungen hatten keine Chance,
Verbreitung zu finden, jedenfalls nicht in größerem Kreis und für längere
Dauer. Wer nicht aufgeben wollte,
konnte
damit nur Disput und Wirkung in kleinen, nichtoffiziellen Zirkeln und
Samisdat-Druckschrif-ten suchen oder -
wie bei Schriftstellern nicht selten - in Westveröffentlichung. Zwangsläufig
waren damit Ansätze zur Konspiration verbunden – ein weiteres Indiz für
Staatsgefährdung.
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9 -
Drittens
galt der Satz „Alles Übel kommt von außen“. Kritische oder aufmüpfige Bürger
waren in diesem Bild vom Westen aufgehetzte Störenfriede.
Schließlich
wirkte auch ein, dass in der Staats- und Rechtstheorie und der ihr folgenden
Praxis Recht nur als Instrument der Macht gesehen wurde – das hatten wir
alle gelernt – aber nicht auch als Maß, als Begrenzung von Macht. Diese
großartige Erkenntnis und Forderung der bürgerlichen Aufklärung hatten wir
nicht im dialektischen Sinne aufgehoben.
Das
war das Einfallstor für eine Praxis, das Strafrecht abzuändern, wenn neue
Formen von Bürgerprotest mit den geltenden Paragraphen nicht fassbar wurden.
Nun ist, was ich hier aufliste, sehr DDR-kritisch und damit selbstkritisch. Um nicht ins entgegengesetzte Extrem unserer damaligen Fehler zu fallen, muß gesagt werden:
Herr
von Schack hatte 1962 keine unbeachtliche persönliche Meinung publiziert,
sondern brutal und ohne Schminke
verlautbart, was tatsächlich die Herrschenden in der BRD und ihre Kopflanger beab-sichtigten und betrieben. Auch mit
Spionage, Menschenhandel, Diversion,
Sabotage und psycholgi-scher Kriegführung rsp. ideologischer Diversion. Die aus
vielen Gründen - objektiven und hausgemachten - instabile und gebeutelte DDR
war in einen Kampf um ihre Existenz gezwungen, von ihrem ersten Tage an und nie
aufhörend. Es war keine Einbildung, dass die Liquidierung der DDR
Staatsziel der BRD war und blieb. Wir
mussten uns keine Feinde erfinden, es gab sie, und sie hatten ein beträchtlich
größeres Potential im Rücken, als die DDR es hatte.
Ich
denke, unser Fehler war – auf das Feindbild bezogen – immer mehr Gruppen von
Menschen, die keine Feinde der DDR waren, in dieses Bild aufzunehmen. So ein
Bild wird dann nicht nur unheimlich groß, sondern auch unübersichtlich. Wenn da
vereint mit Feinden Skeptische, Schwankende, potenzielle Verbündete und eigene
Genossen ein Gemenge bilden, verliert das Bild die Eignung als
Orientierungshilfe. Objektiv haben wir so den feindlichen Bestrebungen Vorschub
geleistet.
Zum Feindbild des MfS möchte ich zusammenfassend hervorheben:
Feinde waren für uns Inspiratoren und Organisatoren von Angriffen, die objektiv geeignet waren und subjektiv darauf zielten, die politischen, ökonomischen u. ideologischen Grundlagen der DDR anzugreifen. Bürger der DDR, wenn sie sich dafür einspannen ließen, mussten als Handlanger der Feinde behandelt werden, wenn sie Täter nach den Normen des Strafrechts wurden. Politisch-moralisch waren sie in unserem Bild Verführte, die verblendet gegen ihre eigenen Interessen handelten.
Das war nicht nur eine Denkkonstruktion. Ich habe versucht, mich zu erinnern, was ich gefühlt habe, wenn ich bei Festnahmen und anschließenden Vernehmungen solchen Menschen persönlich gegenüberstand. Hassgefühle waren da nicht. In manchen Fällen Bedauern, meist kamen Gefühle gar nicht an die Oberfläche.
Abfällig,
verächtlich betrachtet haben wir die Inspiratoren, Anwerber und Beauftrager,
die vom für sie sicheren Westen aus andere ins Feuer schickten – oft
handwerklich so miserabel ausgerüstet und angeleitet, daß es nur
verantwortungslos genannt werden kann.
So
differenziert stellt sich für mich dar, was im Wörterbuch des MfS über Haß und
Abscheu als Komponenten des Feindbildes gesagt ist.
Zugleich
läßt sich nicht hinwegreden, daß sich vor allem in den achtziger Jahren
repressive Maßnahmen des MfS in großem Umfange gegen Menschen richteten, die
keine Staatsfeinde waren. Ihre Fragen, Forderungen und Aktivitäten konnten destabilisierende
Wirkungen für die DDR entfalten, weil die Partei- und Staatsführung sich
unwillig und unfähig zeigte, über Probleme der Entwicklung im Lande in einen
offenen gesellschaftlichen Diskurs einzutreten. Das MfS und dessen Mitarbeiter
wurden benutzt und ließen sich benutzen, die immer brüchiger werdende „Ruhe und
Ordnung“ zu wahren. Die Quittung bekamen und bekommen wir seit dem Herbst 1989
in Gestalt von Haß und Verachtung.
- 10 -
III.
1.
Bisher
ist nichts dazu gesagt, dass in unserer
Geschichte mit dem Verdikt „Feind“ Kommunisten und Sozialdemokraten belegt
wurden, die im antifaschistischen Kampf und beim demokratischen Aufbau
Verläßlichkeit und Tatkraft bewiesen hatten. Oft nahmen sie in der SED und im
Staat inzwischen leitende Positionen ein, wie Paul Merker, Franz Dahlem, Max
Fechner, Rudolf Herrnstadt, Wilhelm Zaisser, Karl Schirdewan, Ernst Wollweber,
Fritz Behrens.
Das
Fehlen in meinen bisherigen Ausführungen hängt nicht so sehr damit zusammen,
dass ich die Häufung dieser Unglaublichkeiten nicht im MfS miterlebt habe.
Ich
sehe hier eine Besonderheit insofern, als es offenbar nicht das MfS war, das
diese Genossen der SED-Führung als vorgebliche Feinde präsentierte, sondern
umgekehrt zentrale Parteiorgane das MfS anwiesen, der und der sei als Feind zu
inhaftieren und eine Untersuchung gegen ihn
zu führen. Durch die Beteiligung liegt die Schande dieser Verfahren auch
auf dem MfS. Aber ich sehe einen qualitativen Unterschied darin, dass sie
nicht vom Feindbild des MfS erfasst in das Räderwerk gezogen, sondern von
führenden SED-Funktionären in das Räderwerk hineingestoßen wurden.
Sie
wurden auch später nicht in das Feindbild des MfS integriert, zumindest nicht,
soweit ich das erlebt habe. ( Zur Erläuterung, weil das vielleicht eine kühne
Behauptung scheint: Die „alten Hasen“ haben wie zu allen Zeiten natürlich den
Jüngeren von ihren Erfahrungen und Taten berichtet. Da haben diese Vorgänge nie
eine Rolle gespielt. Das kann verschiedenen Ursachen haben. Z.B. Funktionieren
der Geheimhaltung innerhalb des MfS. Vielleicht hat sich mancher auch der
Beteiligung später geschämt. Aber da nichts weitergegeben wurde, ging es auch
nicht in Bilder ein.) Dass durch das MfS Titoisten, Trotzkisten od. Zionisten
zu bekämpfen wären, habe ich nie gehört. Es gehörte nicht zur Lehre. Anders war
das mit Sozialdemokratismus, aber auch da nicht in Anwendung auf Funktionäre in
der SED, sondern immer auf die SPD im Westen.
Nach
der zitierten Vorgabe durch den Generalsekretär der SED kann die hier
sichtbare differenzierende Betrachtung
im MfS wohl als überraschend gelten.
____
*)
zitiert nach Klein, Otto, Grieder „Repression und Opposition in der SED 1949 –
1989“, Teil 2,
Frankfurter Oder Editionen, Frankfurt/Oder
1997, 2.Auflage, S.362
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Mir
ist erinnerlich, daß diejenigen, die sich 1989/90 an die Spitze der
unzufriedenen Massen stellten, so aufgetreten sind, dass sie gegen das
DDR-Regime sind, aber für Sozialismus. Das gehörte zu den
Voraussetzungen, dass sie erheblichen Zulauf bekamen. Dieser Gestus wurde z. T.
auch noch einige Zeit nach dem 03.10.90 beibehalten.
Wenn
ich die politische Entwicklung eines nicht unbeträchtlichen Teils dieser
„profilierten Bürgerrechtler“ sehe - zu
Befürwortern von Krieg und von mehr „innerer Sicherheit“ durch Ausweitung von
Geheimdienst-Vollmachten - und ich höre ihre jüngeren Selbstdarstellungen, dann
waren sie schon immer gegen den Sozialismus und für die westliche „Freiheit“.
Nun
kann ich nicht wissen, wie viel davon Opportunismus ist und wie viel
zutreffende Selbstdarstellung. Ich kann mich jedoch des Gedankens nicht
erwehren, dass bei der Einordnung und Behandlung der Gemeinten als Feinde des
Sozialismus das Bild des MfS in diesem Teil wohl doch nicht falsch war.
2.
Zur
Frage zutreffender oder gefälschter Feindbilder möchte ich festhalten: wider
besseres Wissen verfälscht wurde im MfS nicht.
Ein Beispiel: Wenn in der Wirtschaft große Havarien, manchmal sogar mit Todesopfern passierten, standen die zuständigen Genossen in unserer Hauptabteilung und die Leitung Kopf. Der Minister hat jedes Mal gefordert: sucht und findet den Feind ! Berichtet wurde ihm nach gründlicher Untersuchung wahrheitsgemäß über verschlissene Ausrüstungen, mangelnde Sicherheitsvorkehrungen, Mißachtung von Geboten und Verboten. Da lagen regelmäßig die Ursachen. Aus Erfahrung wußten die Beteiligten, daß nun wieder ein Donnerwetter folgen würde: Ihr seid unfähig, den Feind zu finden ! Der versteckt sich doch ! Das ging jedes Mal so. Aber niemand bei uns hat Feinde erfunden. Und es gab nie Weisung, das zu tun. Leute, die Schuld traf, weil sie Pflichten nicht erfüllt hatten, wurden nach den Gesetzen der DDR zur Rechenschaft gezogen, aber nicht zu Feinden gestempelt. *)
3.
Vermisst
wird möglicherweise eine Aussage des Sinnes, dass man sich mit Feindbildern
grundsätzlich nicht abgeben sollte, sondern etwas so Hässliches aus der Politik
und überhaupt aus dem Denken verbannen müsste.
Auch
hübsche Illusionen sind Illusionen.
Zum
Schluß:
Das
MfS und seine Feindbilder gehören der Geschichte an. Gegenwart ist das
Feindbild vom MfS, wie es täglich von Politikern und Medienmachern gemalt wird,
am liebsten in schwarz. Solcher Vergiftung der Atmosphäre muß entgegengetreten
werden.
Das
ist sicher in verschiedenster Weise möglich. Mir scheint ein geeigneter Beitrag
zu sein, dass wir im Insiderkomitee zur Förderung der kritischen Aneignung der
Geschichte des MfS versuchen, in den Diskurs der politischen Linken unser von
Sachkunde getragenes kritisches und selbstkritisches Bild - ein von
sozialistischen Positionen ausgehendes Bild - einzubringen.
*****
____
*)
s. dazu R.Grimmer, W.Irmler, W.Opitz, W.Schwanitz ( Hrsg.) „Die Sicherheit. Zur
Abwehrarbeit des MfS“ Band 2, edition ost im Verlag
Das neue Berlin, 1.Auflage 2002, S.139 ff.
Siehe auch Bericht über das jour fixe vom 03.03.2004